Mein Lieber, azizam, der Wind fährt heftig durch die Äste der Bäume, und über den Hof legt sich ein Rauschen, das den Wellen des Meeres ähnelt. Die Nachrichten berichten, dass es in der vergangenen Nacht keinen Angriff auf Iran gegeben hat. Doch die Drohungen werden immer lauter. Auch Iran greift entschlossener denn je amerikanische Militärstützpunkte in den Nachbarländern an. Wenn ich „Iran“ sage, meine ich die Revolutionsgarden. Niemand weiß genau, von wem sie ihre Befehle erhalten. Auch die Ukraine greift Russland weiter an. Die ganze Region riecht nach Krieg.
Gestern habe ich dir ein Foto einer vierzehnjährigen afghanischen Braut geschickt, die neben ihrem siebzigjährigen Taliban-Bräutigam sitzt. Das schöne Gesicht des Mädchens war so unverkennbar traurig und zugleich voller Wut, dass viele Iraner und Afghanen darauf reagierten. Wenige Tage später wurde ihr erwürgter Leichnam beerdigt.
Ein Schuldgefühl, weil ich auf Reisen bin, während sie im Koma liegt
Meine Mutter war ebenfalls fünfzehn Jahre alt, als sie heiratete. Doch sie war über diese Ehe nie unglücklich. Sie hatte nie das Gefühl, dass es zu früh gewesen wäre. Auf ihrem Hochzeitsfoto lächelt sie. Mein Großvater jedoch gestand meiner Mutter – seiner Tochter –, als er zur Herzoperation in den Operationssaal gebracht wurde, dass er wegen dieser Entscheidung Schuld empfinde. Er glaube, sagte er, seine Töchter wären stärkere Frauen geworden, wenn er ihnen – wie seinen Söhnen – erlaubt hätte, zu studieren, statt sie früh zu verheiraten. Doch meine Mutter antwortete ihm, dass sie glücklich sei, ihre Kinder zu haben, und nie bedauert habe, nicht an einer Universität studiert zu haben.
Meine Cousine liegt noch immer im Koma. Sie ist inzwischen nach Hause gebracht worden, und ihr Zimmer sieht aus wie ein Krankenzimmer. Ein Satz, den sie einmal zu mir sagte, geht mir ununterbrochen durch den Kopf: „Ich will nicht von anderen Menschen abhängig sein.“
Vergangene Woche bin ich für zwei Tage nach Urla gefahren. Ich hatte ein Zimmer in einem Hotel in der Sanat-Sokağı, der Kunststraße, reserviert und verbrachte den ganzen Tag damit, mich in ihren Details zu verlieren. Immer wenn ich an einen neuen Ort komme, fällt mir das Schreiben leichter. Ich habe das Gefühl, dass neue Orte mich inspirieren. Meine Reise nach Urla bestand im Grunde nur aus der Kunststraße und dem Schreiben. Und aus dem fremden Gefühl, das ich meiner Cousine gegenüber empfand. Aus dem Schuldgefühl, dass ich auf Reisen war, während sie reglos im Koma lag.
Nona und ihre KatzeMehrdad ZaeriMitten in dieser Straße, zwischen den Steinhäusern, den rosafarbenen Bougainvilleen, den handgefertigten Accessoires und den römischen Steinskulpturen, hörte ich plötzlich jemanden meinen Namen rufen. Es war B. Er trug ein weites weißes T-Shirt, schwarze Jeansshorts, Sandalen und eine Sonnenbrille. Für einen Augenblick hatte ich das Gefühl, unter all den Fremden einem vertrauten Menschen begegnet zu sein. Später setzten wir uns in ein Café gegenüber und begannen, über unser Leben zu sprechen. Im Vergleich zu vor zwei Jahren hatten wir uns beide verändert. Er wollte nicht länger in Italien leben. Er hatte das Gefühl, dass ihm das Leben auf dem Bauernhof besser gefiel. Ich dagegen wollte in neuen Ländern ein Zuhause finden.
Vor zwei Jahren war ich diejenige gewesen, die für ihn und mich keinen Blick in die Zukunft hatte. B. hingegen hatte schon an alles gedacht: Ehe, Kinder, Italien. Ich war damals orientierungslos. Jetzt sah ich mich selbst und begriff, wie viel freier ich geworden bin. Eigentlich wollte ich immer genau das, was ich heute will: Freiheit. Weitergehen. Beobachten. Mich selbst an neuen Orten entdecken. Aber ich hielt diesen Wunsch immer für eine Art Verantwortungslosigkeit.
Das Glück in tausend Gestalten
Heute, besonders wenn ich an meine Cousine denke, habe ich das Gefühl, dass meine einzige Verantwortung darin besteht, mich unter der Last der tausend Rollen und all der Gebote und Verbote hervorzuziehen, die mir das Bild einer erfolgreichen Frau auferlegen, und mein wahres Selbst sichtbar werden zu lassen. Mein Leben ist schöner in den Ungewissheiten. In Reisen, von denen ich vorher nicht weiß, was sie mir zeigen werden. In Urla dachte ich, dass Glück für jede Frau eine andere Gestalt haben könnte: Für meine Mutter bedeutet es zu bleiben, für meine Cousine zu widerstehen und für mich aufzubrechen.
Wenn ich in den Iran zurückkehre, werde ich meine Cousine besuchen und ihr von meiner Begegnung mit B. erzählen. Ich werde ihr – wie immer – alle Details schildern. Seine Haare. Die Aufschrift auf seinem T-Shirt. Seine sandfarbenen Sandalen. Und seine Hände, die sich jedes Mal, wenn ein Motorrad an uns vorbeifuhr, ganz unbewusst schützend vor mich legten.
Dann werde ich ihr eine Szene aus einem iranischen Film zeigen, den B. mir gezeigt hat. Ein afghanisches Mädchen in einer blauen Burka verliert beim Gehen einen Schuh, der im Schlamm stecken bleibt. Ein iranischer Junge hebt den Schuh mit einer ganz natürlichen Scheu auf, säubert ihn und stellt ihn vor ihre Füße. Das Mädchen zieht den Schuh wieder an und geht weiter. Der Junge blickt auf ihre Fußspuren im Schlamm. Der Blick des Mädchens hinter dem Gitter ihrer Burka begegnet seinem Blick. Dann gehen beide auseinander.
Ich werde meiner Cousine erzählen, dass B. vor zwei Jahren, in der Dunkelheit des Hofes, auch meine Sandalen vor meine Füße gestellt hat, damit ich hineinschlüpfen konnte. Ich werde ihr sagen, dass ich wünschte, dass auch dieses vierzehnjährige afghanische Mädchen einen solchen Augenblick der Liebe hätte erleben dürfen. Ob sie meine Stimme hören wird?
Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin wöchentlich Briefe, in denen sie aus ihrem Leben im und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen übersetzt von Mehrdad Zaeri.

vor 11 Stunden
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