Alex Haleys „Roots“: Gesprengte Ketten?

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Dass die Schrecken der Sklaverei in den Vereinigten Staaten heute in aller Welt bekannt sind, ist einer Summe von Beschreibungen zu verdanken, die von Zeugnissen ehemaliger Sklaven bis zu wirksamen Fiktionen reichen. Obwohl diese Gewaltgeschichte nicht zuletzt durch den Kampf um die Bürgerrechte der Schwarzen verstärkt ins öffentliche Bewusstsein gerückt war, sollte 1976 und im Folgejahr ein Werk auf der Schwelle zwischen recherchierter und fiktional angereicherter Geschichte alle vorherigen Thematisierungen an Wirkung noch einmal weit übertreffen.

Die Rede ist von Alex Haleys Buch „Roots“ und dessen Verfilmung. Haley, geboren 1921 in Upstate New York, war Journalist und hatte dem radikalen Menschenrechtler Malcolm X beim Schreiben einer Autobiographie geholfen, bevor er, auf der Suche nach seinen eigenen afroamerikanischen Wurzeln, die „Saga einer amerikanischen Familie“ verfasste, in der sich Millionen wiederfanden.

Kunta Kintes Nachfahren

Sie beginnt Mitte des achtzehnten Jahrhunderts im heutigen Gambia und begleitet einen von dort zunächst in die Kolonie Maryland verschleppten Mann namens Kunta Kinte und dessen Nachfahren, bis sie sich nach dem amerikanischen Bürgerkrieg als freie Siedler in Tennessee niederlassen; in den letzten Kapiteln des Buches äußert sich Haley in der Ich-Form über die zugrunde liegende Recherche, die historische Grundlage des Buches und dessen romanhafte Züge.

 „Roots. The Saga of an American Family“ (Cover der Erstausgabe von 1976)Alex Haley: „Roots. The Saga of an American Family“ (Cover der Erstausgabe von 1976)Blz 2049/Wikipedia Commons

Die Darstellung von Kunta Kintes Bewusstsein vom muslimisch geprägten Aufwachsen im afrikanischen Dorf Juffure über die Schiffspassage in Ketten und die Zwangs-Umbenennung in Toby bis zu seinem Aufbegehren und seinen furchtbaren Bestrafungen, die Anreicherung dieses Bewusstseins mit historisch-kritischem Wissen und die Weitererzählung des Freiheitskampfes seiner Nachfahren trafen nicht nur in den USA einen Nerv: Das Buch wurde zum Bestseller und bis heute in 37 Sprachen übersetzt.

Gefesselt in seiner Dunkelheit

Der Schriftsteller James Baldwin schrieb in einer Rezension von „Roots“ in der „New York Times“ 1976 über Kunta Kinte: „Wir sind in seiner Haut, in seiner Dunkelheit, und im Moment sind wir mit ihm gefesselt – in seinem Entsetzen, seiner Wut und seinem Schmerz.“ Die Geschichte des Kampfes der Nachfahren sei noch nicht auserzählt, so Baldwin, der „Roots“ aber dennoch als Werk der Liebe würdigte.

Noch größer als die Wirkung des Buches war die der Fernsehserie, die der Sender ABC 1977 ausstrahlte. Sie hat zahlreiche affirmative und kritische Auseinandersetzungen gezeitigt, darunter etwa Steven Spielbergs „Amistad“, Jonathan Demmes Verfilmung von Toni Morrisons „Beloved“, Steve McQueens „12 Years a Slave“ und Kasi Lemmons „Harriet“; zudem weitere Adaptionen des „Roots“-Stoffes und nicht zuletzt jene von Colson Whiteheads „The Underground Railroad“. Dass Haleys Buchvorlage auch Kitsch-Elemente aufweist und ihr historische Fehler und zahlreiche Plagiate nachgewiesen wurden, hat der Wirkung von „Roots“ letztlich nicht geschadet.

In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.

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