Wall Street: „Es fühlt sich an, wie das Jahr 2007“ – Die riskanten Krypto-Wetten mit Perpetual Futures boomen

vor 2 Tage 3

Denver. Selten waren neue Finanzprodukte so hochumstritten und gleichzeitig so beliebt. US-Kleinanleger können seit Ende Mai sogenannte Perpetual Futures (Perps) handeln. Das sind Derivate, mit denen Anleger rund um die Uhr auf die Preise von Öl, Gold, Bitcoin und andere Vermögenswerte wetten können – oft mit hohem Hebel, was im besten Fall hohe Gewinne und im schlechtesten Fall hohe Verluste mit sich bringt.

Vor diesen Verlustrisiken warnen Kritiker, darunter Terrency Duffe, Chef der größten Futures-Börse CME. Er hat eine Klage gegen die CFTC eingereicht, weil sie die Perps zugelassen hat. Was die Instrumente so gefährlich macht.

Der Boom der Perps wurde in den vergangenen Monaten vor allem durch die Kryptoplattform Hyperliquid angetrieben. Das ist eine dezentrale Handelsplattform, die auf einer eigens entwickelten Blockchain läuft. Anders als eine klassische Börse funktioniert sie ohne zentralen Betreiber und ohne Registrierungshürden.

Hyperliquid bietet mittlerweile über 300 Perp-Kontrakte an und erzielte im ersten Quartal ein Handelsvolumen von 633 Milliarden Dollar, wie eine Analyse des Vermögensverwalters Van Eck zeigt.

Seit dem Irankrieg Ende Februar standen Perpetual Futures auf Ölpreise besonders im Fokus. Weil die traditionellen Terminbörsen wie die CME nachts und am Wochenende geschlossen sind, ist Hyperliquid ein beliebter Ort für Day-Trader wie Hedgefonds-Manager, um auf rapide steigende Ölpreise zu setzen.

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Perps unterscheiden sich von klassischen Terminkontrakten. Terminkontrakte sind börsengehandelte Verträge, die den Kauf oder Verkauf eines Vermögenswerts zu einem vorher festgelegten Preis und Zeitpunkt in der Zukunft regeln.

Perps hingegen haben kein Verfallsdatum, und es wird nie eine Ware physisch geliefert. Anleger setzen schlicht darauf, ob der Preis, etwa von Öl, steigt oder fällt.

Plattformen bieten Perps mit 40-fachem Hebel an

Damit der Kurs eines Perps nicht vom tatsächlichen Marktpreis abweicht, gibt es die sogenannte Finanzierungsrate: In regelmäßigen Abständen zahlt die eine Seite der Wette eine Gebühr an die andere. Liegt der Perp-Preis über dem Marktpreis, zahlen die Anleger, die auf steigende Kurse setzen, an jene, die auf fallende setzen – und umgekehrt. So werden Wetten auf die überbewertete Seite teurer und der Preis nähert sich wieder dem Markt an.

Attraktiv und zugleich gefährlich macht die Produkte vor allem der hohe Hebel: Ausländische Plattformen bieten Perps mit 40-fachem Hebel oder mehr an. Ein Hebel ermöglicht es Anlegern, mit vergleichsweise wenig eigenem Kapital eine deutlich größere Position zu bewegen. Bei einem 40-fachen Hebel wird ein Einsatz von 100 Dollar zu einer Position von 4000 Dollar, sodass bereits eine Kursbewegung von 2,5 Prozent gegen die eigene Wette ausreicht, um den gesamten Einsatz zu verlieren.

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In der Regel könnten US-Nutzer mit Hebeln von zehn handeln, erklärt Luke Nolan, Analyst beim Vermögensverwalter CoinShares. Das bedeutet, dass Anleger mit 1000 Dollar Eigenkapital eine Position im Wert von 10.000 Dollar bewegen können, wodurch sich sowohl Gewinne als auch Verluste verzehnfachen.

Seitdem die US-Derivateaufsicht CFTC Ende Mai die Instrumente auf den amerikanischen Märkten zugelassen hat, ist ein neuer Grabenkampf an der Wall Street entfacht: Bei den Befürwortern der Produkte gibt es eine Art Goldgräberstimmung. So bietet die Wettplattform Kalshi nun Perps an und hat längst Pläne angekündigt, das Angebot weiter auszubauen.

Allein in der ersten Woche erzielte Kalshi ein Handelsvolumen von einer Milliarde Dollar, wie das Unternehmen mitteilte. In den ersten zwei Wochen waren es bereits 5,5 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Die Wettplattform brauchte insgesamt 40 Monate, um mit regulären Wettkontrakten ein Volumen von einer Milliarde Dollar zu erzielen.

„Wenn Nutzer Hebel einsetzen, hebeln die Börsen auch ihre Gebühren. Sie werden immer auf den gehebelten Betrag berechnet. Je höher also der Hebel, desto höher die Gebühren. Das macht Perps für die Anbieter so attraktiv“, sagt ein ehemaliger Manager einer Kryptobörse.

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Die Plattform Coinbase bietet US‑Kunden ebenfalls Zugang zu ihren Perpetual Futures an, die außerhalb der USA schon seit Monaten ein wichtiger Wachstumsmarkt waren. Auch Konkurrent Kraken hat seine Produkte um Perps erweitert. In Europa sind Perps etwa von Coinbase und dem Neobroker Robinhood auf dem Markt.

Einige etablierte Börsenbetreiber, wie ICE, der Mutterkonzern der New York Stock Exchange, und Cboe beschäftigen sich zunehmend mit dem Markt für Perps und prüfen die Einführung eigener Angebote.

Für CFTC-Chef Michael Selig signalisiere die Zulassung der Perps in den USA, die Bereitschaft zu „verantwortungsvoller Innovation“, wie er Ende Mai auf dem Kurznachrichtendienst X mitteilte. Selig wurde von US-Präsident Donald Trump ernannt, der 2025 mit Kryptowährungen nebenbei mehr als eine Milliarde Dollar verdient hat.

CME klagt gegen eigenen Regulierer

Auf der anderen Seite stehen die Kritiker, die vor den hohen Verlustrisiken und zu lockerer Regulierung warnen. Der prominenteste Gegner ist Terrence Duffy, Chef der größten Futures-Börse CME. Er hat eine Klage gegen die CFTC eingereicht.

„Dass ein Unternehmen seinen eigenen Regulierer verklagt, kommt an der Wall Street nur äußerst selten vor“, sagt James Angel, Finanzprofessor an der Georgetown University in Washington, D.C. „In der Regel werden Unternehmen dafür später auf die eine oder andere Weise bestraft.“ Dass die CME dennoch zu diesem Schritt bereit war, zeige, wie wichtig dem Börsenbetreiber dieses Anliegen sei.

Es fühlt sich an, wie das Jahr 2007. Terrence DuffyCME

Duffy wirft der Regulierungsbehörde vor, Perps zu lasch zu regulieren. So habe die Behörde die Perps als Futures und nicht als Swaps eingestuft. Dieser auf den ersten Blick sehr technische Unterschied hat indes deutliche Folgen: Futures werden an Börsen gehandelt, Swaps dagegen meist direkt zwischen Vertragspartnern vereinbart und daher oft strenger reguliert. Zudem werden Futures-Kontrakte günstiger besteuert und haben geringere Anforderungen für die Sicherheiten, die Anleger hinterlegen müssen.

Duffy verglich das aktuelle Marktgeschehen mit der Lage vor der Finanzkrise von 2008. „Es fühlt sich an, wie das Jahr 2007“, sagte er auf einer Branchenkonferenz. „Der Immobilienmarkt ist durch den Spekulationsmarkt ersetzt worden, das gilt für Wettmärkte und alles andere.“ Perps könnten dabei zu „einer Katastrophe mit Ansage werden“, auch wenn die in den USA angebotenen Produkte nur mit weniger Hebel angeboten werden.

Teure Risiken für Kleinanleger

Das Risiko, Geld zu verlieren, ist gerade für Kleinanleger hoch. „Perps gehören zu den Produkten, mit denen Anleger am meisten Geld verlieren“, sagt der ehemalige Börsenmanager. Seinen Erfahrungswerten zufolge würden 91 Prozent der Privatanleger im Handel mit Perps Geld verlieren.

Das deckt sich mit einer Studie der indischen Börsenaufsicht Sebi, die die Erfolgsquoten von Finanzprodukten mit hohem Hebel untersucht hat. Die Non-Profit-Organisation Better Markets nannte Perps „eine der gefährlichsten Kryptoprodukte für Kleinanleger“.

Zwangsliquidationen führen zu hohen Verlusten

Das zentrale Problem: Entsteht eine Gegenbewegung am Markt, kann dies schnell zu hohen Verlusten führen. In traditionellen Märkten erhalten Anleger in der Regel einen sogenannten Margin Call. Dann haben sie die Gelegenheit, Sicherheiten nachzuschießen, um ihre Positionen aufrechtzuerhalten.

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Bei Perpetual Futures werden Positionen sofort liquidiert, wenn sie unter eine bestimmte Schwelle fallen und nicht mehr von genügend Sicherheiten gedeckt sind. „Finanzierungskosten und Zwangsliquidationen werden häufig schlecht verstanden, weshalb Verluste selbst bei einem Hebel von 10x schnell kumulieren können“, gibt Luke Nolan von Coinshares zu bedenken.

Es passt jedoch in den Zeitgeist. Wettplattformen wie Kalshi und Polymarket boomen. Gerade Kleinanleger seien zunehmend darauf bedacht, möglichst schnell möglichst viel Geld zu machen, auch wenn dies hohe Einsätze erfordere, sagt Finanzprofessor Angel. „Die Tatsache, dass viele Leute Geld verlieren, hat noch nie jemanden abgeschreckt.“

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