Düsseldorf, Berlin. Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin treibt ihre Ermittlungen gegen frühere verantwortliche Gremienmitglieder und Führungskräfte des Versorgungswerks der Berliner Zahnärztekammer (VZB) voran. Mitte Juni erwirkten die Ermittler bei einer Richterin am Amtsgericht Tiergarten einen Beschluss, zahlreiche E-Mail-Postfächer der Rentenkasse durchsuchen zu dürfen.
Die Strafverfolger verdächtigen demnach 18 Personen, die addiert mehr als 230 Millionen Euro veruntreut haben sollen. Dies geht aus dem Durchsuchungsbeschluss hervor, den das Handelsblatt einsehen konnte. Bei den Beschuldigten handelt es sich um frühere Mitglieder des Verwaltungs- und des Aufsichtsausschusses sowie um Angestellte des VZB. Sie sollen die Investments freigegeben oder nicht ausreichend geprüft und hinterfragt haben.
Im Fokus der Behörden stehen auch zwei Männer, die die Anlagestrategie der Kasse über viele Jahre in zentralen Funktionen mitprägten: der frühere Vorsitzende des Verwaltungsausschusses, Ingo Bora Rellermeier (56) – sein Gremium aus sechs ehrenamtlichen Zahnarzt-Funktionären entschied über die Investments –, sowie der ehemalige VZB-Direktor Ralf Wohltmann (59).
Wohltmann bereitete mit seinem Team Investments vor und setzte Entscheidungen des Verwaltungsausschusses um. Sein Strafverteidiger reagierte auf Nachfragen nicht. Rellermeiers Anwalt wies Vorwürfe strafbaren oder sonst pflichtwidrigen Verhaltens zurück. Für seinen Mandanten gelte uneingeschränkt die Unschuldsvermutung.
Das VZB wollte „neue Wege“ gehen
Im Mittelpunkt des Skandals um das VZB steht dessen riskante Anlagestrategie. „Geld ausleihen ist quasi kostenlos, eine paradoxe Welt“, klagte Rellermeier im Vorwort des Geschäftsberichts für 2015. Um weiterhin gute Renditen zu erzielen, könne das VZB „vermeintlich neue Wege“ gehen. Rellermeier erkannte als Chance, „sich intensiver auch in Direktinvestments einzubringen“.
So flossen in den folgenden Jahren hohe Millionenbeträge unter anderem in ein Recyclingunternehmen in Kalifornien, ein Versicherungs-Start-up und ein Logistikunternehmen. Viele der Beteiligungen entwickelten sich über die Jahre zunehmend defizitär. Das Ausmaß der mutmaßlichen Fehlinvestitionen der Funktionäre um Rellermeier wurde jedoch erst im Laufe des Jahres 2025 öffentlich bekannt.

Thomas Schieritz: Der neue Chef des VZB-Verwaltungsausschusses rechnet mit Kürzungen der Renten und Anwartschaften. Foto: YouTube
Sonderprüfer bezifferten den mutmaßlichen Schaden mittlerweile auf mehr als eine Milliarde Euro, was fast der Hälfte des früheren Vermögens entspricht. Rund 11.000 Zahnärztinnen und Zahnärzten in Berlin, Brandenburg und Bremen drohen Kürzungen bei Renten und Anwartschaften.
Der neue Vorsitzende des Verwaltungsausschusses, Thomas Schieritz, sagte dem Handelsblatt im Mai: „Es wird empfindlich werden.“ In komplizierten Verträgen hätten frühere Verantwortliche das VZB regelrecht „gefesselt und geknebelt“.
Der finanziell schwerwiegendste mutmaßliche Untreuekomplex betreffe laut Durchsuchungsbeschluss die Investitionen des Versorgungswerks in die 12.18 Investment Management GmbH, einen Hotelbetreiber und Entwickler touristischer Immobilien.
Ab 2015 habe das VZB insgesamt rund 200 Millionen Euro in Projekte und Beteiligungen der Gruppe investiert, zunächst über Darlehen, ab 2018 auch über eine Direktbeteiligung. Dabei soll die 12.18.-Gruppe schon vor den wesentlichen Darlehensvergaben bilanziell überschuldet gewesen sein.
Im Konzernabschluss für 2018 ging das Management darauf ein und gab an, „dass die bilanzielle Überschuldung durch stille Reserven im Sachanlage- und Umlaufvermögen ausgeglichen wird“. Ab dem 26. April 2021 soll das VZB der Gruppe dennoch unbesicherte und nachrangige Darlehen in Höhe von rund 86,5 Millionen Euro gewährt haben. Die Darlehen hätten gegen die Anlageverordnung und -grundsätze des VZB verstoßen, heißt es.
Der letzte Jahresabschluss der Gesellschaft datiert auf 2023. Er weist einen Fehlbetrag von rund 29 Millionen Euro aus. Im Testat warnen Wirtschaftsprüfer, dass die Liquiditätsplanung mit Verkäufen von Immobilien der 12.18-Gruppe und befristeten Stillhaltevereinbarungen für Darlehen der Gesellschafter plane, ohne die bei negativer Geschäftsentwicklung der „Fortbestand des Konzerns gefährdet“ sein könnte.
Vorsitzender im Verwaltungsausschuss seit 2013
Eine vom VZB in Auftrag gegebene interne Untersuchung soll Hinweise darauf erbracht haben, dass sich der Verwaltungsausschuss-Chef Rellermeier und Direktor Wohltmann intensiv um die Investments gekümmert haben sollen. Formal musste der Verwaltungsausschuss allen Investments zustimmen. Ihm stand seit 2013 Rellermeier vor.
Sein Anwalt beantwortete konkrete Nachfragen zu dem mutmaßlichen Fluss unbesicherter Darlehen an die 12.18. trotz offenbar kritischer Geschäftslage nicht. Auch Fragen zur Prüfung der Geschäftstätigkeit der 12.18 ließ der Anwalt offen.
Er teilte lediglich mit, die Stellung als Vorsitzender eines mehrgliedrigen Verwaltungsausschusses begründete für Rellermeier weder eine alleinige Entscheidungskompetenz noch eine persönliche strafrechtliche Verantwortlichkeit für sämtliche Investitionen und deren spätere Wertentwicklung.
Auch bei anderen Investitionen hegen die Ermittler den Verdacht, dass massiv in Zielobjekte investiert wurde, obwohl deren wirtschaftliche Situation mutmaßlich schwierig war.

Die Generalstaatsanwaltschaft in der Hauptstadt führt die Ermittlungen. Foto: dpa
Bei einem Investment in die Recyclingfirma rPlanet Earth aus Kalifornien soll von 2015 bis 2025 ein dreistelliger Millionenbetrag investiert worden sein, obwohl der Betreiber einer Anlage zum Recycling von Kunststoffflaschen während dieser Zeit Verluste geschrieben haben soll.
Bereits im Jahr 2020 habe das VZB Rückstellungen für die drohenden Verluste gebildet. Dennoch sollen zwischen April 2021 und 2025 weiterhin rund 80,7 Millionen US-Dollar (rund 70 Millionen Euro) an rPlanet geflossen sein. Diese Summe werten die Ermittler als mutmaßlich veruntreute Gelder. Inzwischen hat die Recyclingfirma ihre Produktion eingestellt.
Eine Mail spricht vom „Millionengrab“
In einer internen Mail vom 5. Februar 2024 an Wohltmann soll Rellermeier das Investment in den USA als „Desaster“ und „Millionengrab“ bezeichnet haben. Sie liegt dem Handelsblatt vor.
Rellermeiers Anwalt antwortete nicht auf Fragen zu dem Schreiben, teilte aber mit, einzelne Begriffe wie „Desaster“ oder „Millionengrab“ würden keine verlässliche Einordnung erlauben. Es ergebe sich auch nicht, wann Rellermeier welche Informationen erhalten habe.
Das sind alles Interessenkonflikte, die ich Dir zuliebe akzeptiere. Aus einer Mail, die Ingo Bora Rellermeier an Ralf Wohltmann schrieb.
In derselben Mail hält Rellermeier Wohltmann vor, er habe die „üppigen Boni der Jahre 16/17/18“ für ihn im Verwaltungsausschuss „argumentiert“. Wohltmanns Frau sei beim VZB beschäftigt und die Tochter bei einer Beteiligungsfirma. Über beides habe er hinweggesehen, heißt es in der Mail. „Das sind alles Interessenkonflikte, die ich Dir zuliebe akzeptiere.“ Wohltmanns Anwalt ließ Nachfragen dazu unbeantwortet.
Die Zockereien beim VZB kamen Anfang 2025 vor allem durch ein Investment bei einem Berliner Versicherungs-Start-up ans Licht. Damals schreckten ein vorläufiges Insolvenzverfahren und drohende Verluste bei der Element Insurance AG die Zahnärzte auf.
Das Geschäftsmodell der Element Insurance sah vor, mit schlanker IT-Organisation kostengünstige White-Label-Lösungen für Versicherungen zu entwickeln und anzubieten. Nachdem sich das VZB mit 51,1 Millionen Euro an dem Start-up beteiligt hatte, ging es Ende 2024 insolvent.
Nun verdächtigen die Behörden die VZB-Verantwortlichen, dass sie auch in diesem Fall ihre Pflichten verletzt haben könnten. Nachfragen dazu blieben unbeantwortet.
Weitere Anhaltspunkte für mutmaßliche Untreue sehen die Strafverfolger bei Darlehen des VZB und seinen Einzahlungen zum Grundkapital bei der Engel & Völkers Capital AG (EVC). Die Gesellschaft managt Immobilieninvestitionen und stellt Finanzierungslösungen für Projektentwickler bereit. Obwohl die Finanzen der EVC schon 2021 schlecht ausgesehen hätten, habe das VZB als Gesellschafter der EVC unbesicherte Nachrangdarlehen gegeben, sagen Ermittler.

Wie das Berliner Zahnärzte-Versorgungswerk mehr als eine Milliarde Euro verlor – und das Geld nun zurückholen will
31.05.2026 Abspielen 01:02:57Eine Rückzahlung sei später nur erfolgt, weil das VZB rund 2,5 Millionen Euro der Kapitalrücklage zugeführt habe – und so die Darlehen aus eigenen Mitteln abgelöst worden seien. Den Ermittlungen zufolge hätten die Verantwortlichen zu dieser Zeit die schweren finanziellen Probleme der EVC erkennen müssen.
Am Ende halfen auch in diesem Fall die Zahlungen des VZB nichts mehr. Die EVC stellte am 4. Juli 2025 den Antrag auf Insolvenz. Bis zu diesem Zeitpunkt sollen die Verantwortlichen der Zahnärztekasse rund 8,6 Millionen Euro in die EVC gesteckt haben.
Eine Due-Diligence- oder Bonitätsprüfung soll es vor den Investments nicht gegeben haben. Nachfragen des Handelsblatts dazu blieben unbeantwortet – wie auch zu dem letzten Schwerpunkt, den die Ermittler den ehemaligen Funktionären anlasten.
Wandeldarlehen trotz hoher Jahresverluste
Darin geht es darum, dass das VZB einer Logistikfirma 17,6 Millionen Euro in zwei Wandeldarlehen (2019 und 2021) zur Verfügung gestellt haben soll, obwohl diese zuvor hohe Jahresverluste ausgewiesen habe.
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Zwar habe eine Wertermittlung für die Firma vorgelegen, diese habe jedoch ausschließlich auf Angaben der Logistikfirma beruht. Eigene ausreichende Anstrengungen zur Bewertung der wirtschaftlichen Lage der Zielgesellschaft habe das VZB den Ermittlern zufolge nicht unternommen.
Im Strafgesetzbuch regelt Paragraf 266 die Bestrafung von Untreue. Er kommt unter anderem dann zur Anwendung, wenn ein Täter seine Pflicht verletzt, „fremde Vermögensinteressen wahrzunehmen“, und dadurch einem Dritten ein Nachteil entsteht. Bestraft wird diese Art der Kriminalität mit einer Geldstrafe oder mit bis zu fünf Jahren Haft. Für die Beschuldigten gilt bis zum Richterspruch die Unschuldsvermutung.

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