Großbritannien will Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren die Nutzung sozialer Medien verbieten. Das Verbot orientiert sich am australischen Modell, das im Dezember 2025 in Kraft getreten ist, soll aber noch weitergehender sein – die britische Regierung nennt es dementsprechend „Australia-plus“. Premierminister Keir Starmer kündigte an, dass Plattformen wie TikTok, Instagram, Facebook, X, YouTube, Snapchat, Threads, Reddit, Twitch und Kick für Minderjährige gesperrt werden sollen. Außerdem sollen auch andere potenziell gefährdende Angebote wie Livestreaming oder die Möglichkeit des Chattens mit Erwachsenen eingeschränkt werden. Gegen Messenger wie WhatsApp oder Signal will man aber nicht vorgehen.
Während Großbritannien diesen Weg einschlägt, positionierten sich jüngst die deutschen Bildungsminister der Länder und der deutsche Ethikrat gegen strikte Altersgrenzen und plädierten für mehr Medienbildung. Der Digitalverband Bitkom kritisierte die Unverbindlichkeit dieses Ansatzes.
Großer Rückhalt in der Bevölkerung
Starmer sprach Reuters zufolge von „weltweit führenden“ Maßnahmen. Zudem unterstrich er in der offiziellen Regierungsankündigung, dass die großen Social-Media-Plattformen in Sachen Jugendschutz zu wenig und zu langsam gehandelt hätten: „Die Tech-Giganten hatten ihre Chance und haben versagt; wir aber greifen ein, um Kinder zu schützen, Eltern zu unterstützen und einen neuen Standard für künftige Generationen zu setzen.“ Den Eindruck, dass große Social-Media-Plattformen die Geduld der Länder zu stark strapaziert haben, dokumentierte die OECD während einer Veranstaltung in der vergangenen Woche.
Starmer betonte, dass ein vollständiges Verbot einen gewaltigen Unterschied machen werde. Es werde Kinder „sicherer und glücklicher machen, ihnen mehr Zeit, mehr Sicherheit, mehr Freiheit beim Heranwachsen und mehr Chancen bieten.“ Soziale Medien hätten zwar auch positive Eigenschaften für Jugendliche, die einhergehenden Beeinträchtigungen seien aber zu stark. Er verwies auf eine wachsende Evidenzlage und die Erfahrungen aus Australien. Zudem kann sich die britische Regierung auf eine Konsultation mit rund 116.000 Teilnehmenden stützen. Demnach sehen 83 Prozent der Eltern die Risiken sozialer Medien als größer an als die Vorteile, 90 Prozent befürworten ein Mindestalter von 16 Jahren.
Neben dem Plattformverbot sind weitere Einschränkungen geplant: Kinder sollen auf Gaming- und Streaming-Plattformen nicht mehr mit fremden Erwachsenen chatten können, Livestreaming durch unter 16-Jährige soll untersagt werden. Diskutiert werden zudem nächtliche Nutzungssperren, Einschränkungen für suchtfördernde Designelemente wie Endlos-Feeds und Autoplay sowie Beschränkungen für KI-Chatbots.
Die technische Durchsetzung könnte allerdings auch in Großbritannien die größte Herausforderung sein. Die Erfahrungen aus Australien zeigen, dass Jugendliche Verbote über VPN-Dienste oder falsche Altersangaben umgehen können. Die britische Regierung will sich auf den bestehenden Online Safety Act und die Aufsichtsbehörde Ofcom stützen, die Plattformen verpflichtende Altersverifikation auferlegen soll. Zur Anwendung sollen „highly effective age assurance“-Systeme (HEAA) kommen. Es wird erwartet, dass die Durchsetzung des Verbots im Frühling 2027 erfolgt. Bis Weihnachten will die Regierung das Vorhaben durch das Parlament bringen.
Deutschland setzt auf Medienkompetenz statt Verbote
Im Gegensatz zu Großbritannien verfolgt Deutschland bisher einen anderen Kurs. Die Bildungsministerkonferenz (KMK) hat am 12. Juni eine gemeinsame Erklärung zum Umgang mit Social Media an Schulen verabschiedet. BMK-Präsidentin Anna Stolz (Freie Wähler) sprach von einem „Dreiklang aus sensibilisieren, stärken, schützen“ – der Fokus liege auf der Entwicklung digitaler Resilienz und Medienkompetenz, nicht auf Verboten.
Der Deutsche Ethikrat lehnt ebenfalls ein pauschales gesetzliches Mindestalter für soziale Medien ab und begründete dies mit der unterschiedlichen Reife von Jugendlichen einer bestimmten Altersklasse. Diese Argumentation ignoriert allerdings, wie normalerweise pauschale Altersgrenzen etwa für das Führen von Kraftfahrzeugen, die Teilnahme an Wahlen, die Eheschließung oder auch den Konsum von Alkohol in Deutschland genutzt werden, um Heranwachsende und auch die Allgemeinheit zu schützen. Dahinter steht die Annahme, dass Menschen bis zu einem gewissen Alter noch bedeutende Reifeschritte durchlaufen sollten.
Der Digitalverband Bitkom begrüßte zwar, dass sich die KMK zum Thema Social-Media-Altersgrenze offiziell positioniert hat, kritisierte die Erklärung aber als zu unverbindlich. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst forderte unter anderem konkrete Standards für Medienbildung in den Schulen, eine gezielte Lehrkräftequalifizierung sowie einen Fahrplan zur Einbindung außerschulischer Partner. Medienbildung sei in Deutschland noch zu oft dem Zufall überlassen und außerdem stark vom Elternhaus abhängig.
Die Ergebnisse der von Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) eingesetzten Kommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“, die eine abschließende offizielle Einschätzung zur Verbotsdebatte liefern soll, wurden für den 24. Juni angekündigt. Prien ließ bereits kommunizieren, dass dann knapp 50 Empfehlungen veröffentlicht werden, die sich neben den Schulen auch an Eltern, Kitas und etwa Ärzte richten werden.
(kbe)










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