US-Aktien: Angst statt Gier: Chipkrise an der Börse spitzt sich zu

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Düsseldorf. Der weltweite Abverkauf von Chipaktien scheint derzeit nicht zu stoppen zu sein. „Die Gier ist der blanken Angst gewichen“, sagt Anlagestratege Stephan Kemper von BNP Paribas.

In Südkorea verloren die Aktien der Speicherchiphersteller SK Hynix und Samsung am Dienstag jeweils mehr als 13 Prozent an Wert. In den USA notieren die Titel von Unternehmen wie Micron Technology und Sandisk im vorbörslichen Handel fünf Prozent im Minus.

Dadurch nimmt die Nervosität am Markt zu. Investoren fürchten, dass die Krise der Chipaktien die gesamte Rally beendet, die vom Boom Künstlicher Intelligenz (KI) ausgelöst wurde. Selbst bei den großen Tech-Konzernen wie Amazon, Alphabet, Microsoft und Nvidia werden Anleger vorsichtiger.

Auslöser für den Abverkauf in dieser Woche sind unter anderem zwei Nachrichten aus China: Demnach hat das Land mit der Produktion selbst entwickelter Immersions-Lithografieanlagen im Tief-Ultraviolettbereich begonnen. Sie sind ein wichtiges Werkzeug für die Chipherstellung – ein Bereich, der lange Zeit von ASML dominiert wurde. Der niederländische Anbieter darf seine modernen Anlagen nicht nach China exportieren, was die Produktionsmöglichkeiten dort einschränkt.

Jürgen Molnar, Kapitalmarktexperte beim Broker Robomarkets, sieht darin eine Botschaft für den Markt: „China holt im KI- und Halbleitergeschäft mit großen Schritten auf und wird für die etablierten Marktführer zu einem immer ernstzunehmenderen Wettbewerber.“

Bewertungsprämien von Chipkonzernen brechen ein

Dies verändert den Blick auf Chipaktien außerhalb von China, erklärt BNP-Experte Kemper: „Wenn chinesische Wettbewerber technologische Rückstände bei der Chipherstellung schneller als erwartet aufholen, bricht die Bewertungsprämie etablierter Halbleitergiganten schlagartig in sich zusammen.“

Am deutlichsten zeigt sich das in Südkorea. Dort machen Samsung und SK Hynix über 50 Prozent des Leitindex Kospi aus – und dieser hat gegenüber seinem Rekordhoch von Mitte Juni 36 Prozent an Wert verloren. Allein am Dienstag brach der Index um fast elf Prozent ein.

Auch in den USA fallen die Aktienkurse der Chiphersteller. Der Branchenindex Philadelphia Semiconductor Index notiert mittlerweile um 21 Prozent unter seinem Rekordhoch. In Japan und Taiwan geben die Chipaktien ebenfalls nach. Die Entwicklung macht deutlich, wie eng die asiatischen und US-amerikanischen Börsen miteinander verflochten sind.

Schon in den vergangenen Wochen stockte diese Rally aber. Denn der Chipsektor war in der Vergangenheit stark zyklisch. Auf Phasen knapper Kapazitäten und hoher Preise folgten regelmäßig Investitionswellen, die später zu einem Überangebot führten. Mögliche Konkurrenz aus China verstärkt diese Sorge.

Bislang waren die Marktteilnehmer einfach nur optimistisch. Jetzt wollen sie aber Belege sehen. Jeff Blazek und Tokufumi KatoNeuberger Berman

Die Kapitalmarktexperten Jeff Blazek und Tokufumi Kato vom US-Vermögensverwalter Neuberger Berman halten die aktuelle Schwäche der Chipaktien daher für eine natürliche Entwicklung: „Bislang waren die Marktteilnehmer einfach nur optimistisch. Jetzt wollen sie aber Belege sehen – selbst von Unternehmen, die nach wie vor Gewinne erzielen“, schreiben sie in einer aktuellen Analyse.

Es sind aber nicht allein die Chipaktien, die die Marktstimmung belasten. Analyst Jim Reid von der Deutschen Bank verweist neben der zunehmenden Verunsicherung mit Blick auf den Wettbewerb durch günstigere chinesische Unternehmen auf „erneute Sorgen um die Investitionsausgaben im Bereich der Künstlichen Intelligenz“.

Ein Fingerzeig in diese Richtung waren die Quartalszahlen der Google-Mutter Alphabet in der vergangenen Woche. Dort hob Finanzchefin Anat Ashkenazi die Investitionsprognose (Capex) für dieses Jahr auf 195 bis 205 Milliarden Dollar an. Analysten hatten im Schnitt rund 186 Milliarden erwartet.

KI-Wettrüsten kostet die Konzerne Milliarden Dollar

Die rasant steigenden Investitionen sorgen für Unruhe, sagt Kapitalmarktexperte Molnar: „Der Markt fragt sich zunehmend, ob der Wettlauf um die KI-Vorherrschaft immer höhere Milliardeninvestitionen verschlingt – und wann sich diese Ausgaben tatsächlich in steigenden Gewinnen auszahlen.“

Unter anderem Alphabet, Amazon, Meta und Microsoft betreiben weltweit riesige Rechenzentren mit Millionen von Servern. Diese sogenannten Hyperscaler ermöglichen erst die Entwicklung und den Einsatz moderner KI. In der Erwartung steigender Nachfrage bauen sie ihre Kapazitäten immer weiter aus.

Die dafür benötigten Investitionen sind enorm. Allein bei den genannten vier Hyperscalern dürften sie in diesem Jahr zusammen rund 650 Milliarden Dollar erreichen.

Wie stark die Investitionsausgaben (im Börsensprech „Capex“ genannt) die Bilanz belasten, zeigt das Beispiel von Alphabet. Von April bis Juni investierte der Konzern knapp 45 Milliarden Dollar, vor allem in Rechenzentren. Dadurch rutschte der freie Cashflow, also der Mittelüberschuss nach dem laufenden Geschäft und Investitionen, ins Minus. Unterm Strich verbrannte Alphabet also Geld, anstatt welches zu verdienen.

Bei Amazon, Meta und Microsoft könnte die Tendenz in dieselbe Richtung gehen. Sie legen am Mittwoch- und Donnerstagabend ihre Quartalszahlen vor.

Auch hier wird die Verunsicherung durch eine Entwicklung in China verstärkt. Mitte Juli veröffentlichte das Pekinger Start-up Moonshot das neue KI-Modell Kimi K3. Nach ersten Tests schließt es zu den global führenden US-Firmen OpenAI und Anthropic auf und überholt diese sogar in manchen Disziplinen. Gleichzeitig ist es deutlich günstiger.

Kimi K3

KI-Modell aus China sorgt für Furore – das müssen Sie jetzt wissen

Der unabhängige US-Analyst Ed Yardeni hat daher eine gewisse „KI-Müdigkeit“ unter den Anlegern ausgemacht: „Sie sind zu dem Schluss gekommen, dass sich nicht abschätzen lässt, ob die gesamten Investitionen in die KI-Infrastruktur in den kommenden Jahren eine gute Kapitalrendite bringen werden.“

Weil die Investitionen unter anderem in Speicherchips fließen, löst das eine Rückkopplung bei Halbleiteraktien aus. Die Anlagestrategen der US-Großbank Morgan Stanley schreiben dazu: „Die Investoren befürchten, dass sich die Investitionsdynamik im Bereich Künstliche Intelligenz kurzfristig verlangsamen könnte.“

Aber auch die Kurse der großen Tech-Konzerne selbst stehen unter Druck. Die Schlusskurse von Alphabet, Amazon und Meta vom Montag lagen zwischen vier und fünf Prozent unter dem Niveau vom Donnerstag, bevor Alphabet seine Zahlen vorgelegt hatte. Der Chipkonzern Nvidia, der die für KI-Anwendungen nötigen Grafikprozessoren verkauft, verlor im selben Zeitraum sogar sieben Prozent.

Bei Nvidia sorgte ein Bericht des „Wall Street Journal“ für Unruhe. Demnach verhandle das Unternehmen, 250 Milliarden Dollar für ein OpenAI-Rechenzentrum in Ohio zu garantieren und weitere 350 Milliarden Dollar für Chipkäufe zu finanzieren.

Dass Nvidia seine immense Finanzkraft nutzt, um die Infrastrukturprojekte der eigenen Kunden zu stützen, wurde bereits in der Vergangenheit kritisiert. Nun kommt die Kritik daran erneut auf. „Dieses zirkuläre Modell verzahnt die finanzielle Stabilität von Zulieferer und Abnehmer untrennbar miteinander“, erklärt BNP-Paribas-Stratege Kemper.

Dadurch gerät die KI-Rally unter Druck. Nahezu der gesamte Tech-Sektor ist mittlerweile belastet: Der technologielastige US-Index Nasdaq 100 hat gegenüber seinem Rekordhoch von Anfang Juni knapp neun Prozent an Wert verloren. „Die Stresstests werden mehr und sie kommen in schnellerer zeitlicher Abfolge“, sagt Analyst Jörg Scherer von HSBC Deutschland.

Der breite US-Aktienmarkt zeigt sich bisher robust

Interessant ist, dass diese Verunsicherung aber bislang nicht am breiten Markt ankommt. Der marktbreite US-Index S&P 500 Equal Weight, in dem alle 500 Aktien dasselbe Indexgewicht besitzen, schloss am Montag auf dem höchsten Schlusskurs seiner Geschichte.

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Yardeni führt das darauf zurück, dass der Fokus jetzt auf anderen Unternehmen liege, die vom KI-Boom profitieren: „Innerhalb des S&P-500-Sektors ‚Industrie‘ haben mehrere Branchen vom Boom bei den KI-Investitionen profitiert, insbesondere Baumaschinen, Elektroausrüstung und Industriekonzerne.“

Der Industriesektor ist dadurch seit Jahresbeginn stärker gestiegen als der IT-Sektor. Bislang ist an der Wall Street also vielmehr eine Rotation als ein Crash zu beobachten.

Dazu passt auch, dass Nvidia durch Apple als weltweit wertvollster börsennotierter Konzern abgelöst wurde. Der iPhone-Hersteller wurde lange wegen seiner niedrigen KI-Investitionen kritisiert.

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