SpaceX: Zehn Anlegerfragen zum Börsengang und alle wichtigen Antworten

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Düsseldorf. SpaceX wird mit seinem für Freitag geplanten Börsengang Geschichte schreiben. Der IPO dürfte größer ausfallen als alles, was die Kapitalmärkte bisher gesehen haben.

Für Anleger ist das verlockend und gefährlich zugleich: verlockend, weil ein ungewöhnliches Unternehmen mit einer seltenen Wachstumsstory auf den freien Markt kommt; gefährlich, weil es zu einem Preis passiert, bei dem Enttäuschungspotenzial vorhanden ist.

Das Handelsblatt gibt einen Überblick über die wichtigsten zehn Fragen und Antworten zum historischen Börsengang.

1. Was macht SpaceX?

SpaceX bündelt unterschiedliche Geschäftsteile unter einem Dach:

  • Raumfahrt- und Startdienste: SpaceX bringt Fracht ins All – perspektivisch auch mehr. Nach Einschätzung von Investoren hat das Unternehmen den Prozess so weit perfektioniert, dass Starts im Vergleich zur Konkurrenz günstig sind.
  • Satelliteninternet (Starlink): SpaceX betreibt Tausende Satelliten, die weltweit auch in entlegenen Regionen, Breitband-Internetzugänge für Privatpersonen, Unternehmen, Schiffe und Flugzeuge bereitstellen. Das Satelliteninternet gilt als sehr profitabel und schnell wachsend.
  • Künstliche Intelligenz und Rechenzentrumsinfrastruktur: SpaceX entwickelt KI-Modelle und betreibt Rechenzentren. Die Vermarktung von KI rückte im Zuge des Börsengangs in den Vordergrund – auch mit der Vision, Rechenzentren in den Orbit zu verlagern.

2. Wann geht SpaceX an die Börse?

Der Börsengang ist für Freitag (12. Juni) an der Technologiebörse Nasdaq in New York geplant. Der Handel startet um 15.30 Uhr. Bis ein erster Preis festgelegt ist, können aber mehrere Stunden vergehen.

Die Zeichnungsfrist startete bereits vergangene Woche. Anleger können bei beteiligten Banken und Brokern eine gewünschte Anzahl von Aktien zeichnen. Ob und wie viele ihnen dann zugeteilt werden, erfahren sie aber erst später.

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3. Können sich deutsche Privatanleger am Börsengang beteiligen?

SpaceX nennt auf der Webseite zum Börsengang die Deutsche Bank, Trade Republic, Interactive Brokers, Revolut, ING und Flatexdegiro. Auch bei Comdirect können Anleger Unternehmensangaben zufolge Aktien zeichnen.

4. Wie laufen die Geschäfte und wie sind die Aussichten?

Im ersten Quartal des laufenden Jahres weiteten sich die Verluste sogar aus. Einem Umsatz von 4,7 Milliarden Dollar stand ein Verlust von 4,3 Milliarden Dollar gegenüber.

Auslöser sind die hohen Investitionen. Im vergangenen Jahr stiegen diese um 86 Prozent auf 20,7 Milliarden Dollar, wobei KI-Investitionen allein 12,7 Milliarden Dollar ausmachten. Im ersten Quartal des laufenden Jahres lagen sie bereits bei 7,7 Milliarden Dollar.

Die Investmentbank Goldman Sachs, die den Börsengang mit anderen Wall-Street-Instituten begleitet, geht Medienberichten zufolge davon aus, dass die Investitionen hoch bleiben. Damit bleibt der Kapitalbedarf entsprechend groß. Die Investitionsausgaben (Capex) werden bis einschließlich 2028 auf 360 Milliarden Dollar geschätzt. 80 Prozent davon entfallen auf Ausgaben für KI.

Goldman rechnet daher damit, dass SpaceX erst ab den 2030er-Jahren profitabel wird. Dann sollen die Gewinne aber rasant steigen. Morgan Stanley geht Medienberichten zufolge davon aus, dass der Umsatz im Jahr 2040 bei 3,4 Billionen Dollar liegen wird, bei einem Ergebnis vor Steuern (Ebitda) von gut 2,7 Billionen Dollar.

Möglich machen soll diese rasante Entwicklung das KI-Geschäft. Die Umsätze sollen von 2025 bis 2030 von 3,2 Milliarden auf 322 Milliarden Dollar steigen – und das wäre erst der Anfang. SpaceX selbst schreibt in seinem Börsenprospekt von einem adressierbaren Markt von 26,5 Milliarden Dollar.

5. Wie gerechtfertigt ist die Bewertung?

SpaceX wird bei einem Börsenkurs von 135 Dollar mit 1,77 Billionen Dollar bewertet. Wird das ins Verhältnis zum Umsatz gesetzt, ergibt sich ein Faktor von knapp 95. Zum Vergleich: Beim aktuell wertvollsten Konzern an der Börse, dem Chipkonzern Nvidia, liegt das Verhältnis auf Basis des Umsatzes im abgelaufenen Geschäftsjahr bei 23.

780Milliarden Dollarermittelten die Morningstar-Analysten Nicolas Owens und Suryansh Sharma als fairen Wert für SpaceX.

Auch im Vergleich zu anderen Großkonzernen fällt der Vergleich ernüchternd aus. Von den neun größten börsennotierten US-Konzernen, erzielte Micron Technology im vergangenen Jahr den geringsten Umsatz. Mit 58 Milliarden Dollar war er aber immer noch dreimal so hoch wie bei SpaceX.

Einen Verlust verzeichnete keiner der großen Konzerne. Den niedrigsten Nettogewinn erzielte der ebenfalls von Elon Musk geführte E-Auto-Bauer Tesla mit 3,8 Milliarden Dollar.

SpaceX-Werbung bei Morgan Stanley in New York: Spannung vor dem IPO. Foto: REUTERS

Auswertungen von Analysten, die ihre Bewertungen auf der Grundlage künftiger Gewinne berechnen, liegen kaum vor. Zu den wenigen Ausnahmen gehören Nicolas Owens und Suryansh Sharma vom Analysehaus Morningstar. Sie kommen auf einen fairen Wert von 780 Milliarden Dollar.

Höher liegt die Bewertung des Finanzprofessors Aswath Damodaran von der New York University, der als „Dekan der Unternehmensbewertung“ bezeichnet wird. Er beziffert den Wert des Raumfahrtkonzerns auf 1,25 bis 1,35 Billionen Dollar.

6. Was sagen die Optimisten?

Befürworter von SpaceX verweisen auf eine mögliche Skalierung der Geschäfte, neue Märkte und die strategische Dominanz. Zu ihnen gehört Peter Singlehurst. Er leitet die privaten Investments des britischen Vermögensverwalters Baillie Gifford und investierte in das US-Raumfahrtunternehmen, als es noch eine Bewertung von 30 Milliarden Dollar hatte. Das war im Jahr 2018.

Singlehurst verweist auf die vielen Vorteile, die SpaceX gegenüber der Konkurrenz habe. „Im Kern macht SpaceX eine Sache sehr gut: Das Unternehmen bringt Fracht sehr günstig ins All“, sagt der Investor. SpaceX habe diesen hochkomplexen Prozess in den vergangenen Jahren perfektioniert. Das ermögliche, „Dienste wie Starlink anzubieten und an orbitalen Datenzentren zu arbeiten“.

Peter Singlehurst: Unter seiner Führung investiert der schottische Vermögensverwalter Baillie Gifford in nicht börsennotierte Firmen. Foto: Baillie Gifford

Auch Thomas Kruse, Investmentchef des Vermögensverwalters Amundi in Deutschland, sieht einige „fundamentale Kurstreiber“ bei SpaceX. Dazu gehören die Pläne von Musk, einen satellitenbasierten Mobilfunk aufzubauen. Dies habe Potenzial für steigende Gewinne und Umsätze.

„Schon seit fünf Jahren sprechen wir auf der Münchner Sicherheitskonferenz über das Thema Dominanz im Weltall, gerade mit Blick auf militärische Fragen. Man sieht das etwa an Starlink und der Bedeutung, die der Dienst im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine hatte“, sagt Kruse. Er beobachte, dass sich Technologie zunehmend ins All verlagere. „Und SpaceX wird da einer der führenden Anbieter sein.“

Grant Bowers, Portfoliomanager beim Vermögensverwalter Franklin Templeton, glaubt, dass die Start- und Fertigungskapazitäten von SpaceX völlig neue Infrastrukturmöglichkeiten eröffnen, darunter eine weltraumgestützte Dateninfrastruktur, die durch Sonnenenergie und natürliche Kühlung betrieben wird. „Unserer Ansicht nach unterschätzt der Markt jedoch möglicherweise noch immer, wie viele Branchen SpaceX letztlich beeinflussen könnte“, sagt Bowers.

7. Was sagen die Pessimisten?

Pessimisten sehen weniger ein „schlechtes Unternehmen“, sondern ein zu teures und zu unsicher finanziertes Investment. Ein Portfoliomanager in New York sagt mit Blick auf die weit in der Zukunft liegenden Gewinne: „Das ist schon ein bisschen verrückt, dass Investmentbanken jetzt so lange Prognosen bei Börsengängen wagen.“

Daniel Bauer, Vorstandsvorsitzender der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) in Deutschland, kritisiert: „Einen wirklich tragfähigen Business-Case sehe ich im Moment vor allem bei Starlink beziehungsweise der Mobilfunk-/Satellitenkommunikation. Alles andere – Nasa-/Esa-Services, Raumstationen, Mining, Marsfantasien – ist spannend, aber damit kann man die heutige Bewertung aus meiner Sicht nicht seriös einpreisen.“

Das SpaceX-Starship-V3 auf der Startrampe: Spannende Pläne – aber rechtfertige das die hohe Bewertung, fragen die Pessimisten. Foto: REUTERS

Franco Granda, beim Analysehaus Pitchbook für Spätphasen-Investments zuständig, hält vor allem die Wachstumsprognosen im KI-Bereich für ambitioniert. SpaceX positioniere sich zwar als KI-Infrastrukturanbieter, habe aber weder die Führungsposition noch das Geschäftsmodell, um mit Konkurrenten wie OpenAI oder Anthropic zu konkurrieren.

Der Deal, Kapazitäten an Anthropic zu vermieten, statt selbst Frontier-Modelle zu entwickeln, sei für ihn ein Warnsignal: „Die machen das auf Zuruf – ohne klaren Plan.“ Wer eine KI-Infrastrukturprämie einpreise, müsse wissen, dass SpaceX bei Weitem nicht die Multiples rechtfertige, die das Unternehmen anstrebe, sagt Granda weiter. Gemeint sind finanzielle Kennzahlen, die mit den Zahlen ähnlicher Unternehmen verglichen werden.

Aktionärsschützer kritisieren zudem die Stimmrechtsstruktur. Es wird A-Aktien geben, die an der Börse gehandelt werden, und B-Aktien mit besonderen Stimmrechten. Obwohl Musk nur 12,3 Prozent der A-Aktien hält, besitzt er fast 94 Prozent der B-Aktien. Damit kontrolliert er 85 Prozent der Stimmrechte.

8. Wie hoch ist die Nachfrage?

Broker berichten von einer „sehr hohen Nachfrage“. Amundi-Experte Kruse sagt: „Einige Anleger wollen die Aktie kaufen, weil sie damit auf Elon Musk wetten. Viele wünschten sich, dass sie bei Tesla früher eingestiegen wären, und hoffen nun, dass sie mit SpaceX eine zweite Chance auf schnelle Kursgewinne bekommen.“

Die Morningstar-Analysten Owens und Sharma weisen zudem darauf hin, dass „fast jede Investmentbank der Welt“ den IPO bewerbe. Am Mittwochmorgen war die Emission laut Informationen der Nachrichtenagentur Reuters bereits mehr als dreifach überzeichnet.

Wir halten es vom Grundsatz her für die richtige Strategie, nur maximal das 1,5-Fache von dem zu zeichnen, was man tatsächlich haben will. Thomas KruseInvestmentchef von Amundi Deutschland

Ein weiterer möglicher Grund für die hohe Nachfrage ist, dass viele Anleger damit rechnen, ohnehin nicht die gewünschte Menge zugeteilt zu bekommen. Sie zeichnen daher von vornherein mehr Aktien. „Das ist eine riskante Strategie, von der wir absehen“, erklärt Kruse. „Wir halten es vom Grundsatz her für die richtige Strategie, nur maximal das 1,5-Fache von dem zu zeichnen, was man tatsächlich haben will.“

Spekulanten könnten die Nachfrage zusätzlich treiben. So erklärte ein Fondsmanager, der namentlich nicht genannt werden will, dass er die Aktien zeichnen wird, obwohl er sie für überbewertet hält. „Ich setze auf Zeichnungsgewinn“, sagt er. Er spekuliert also darauf, dass der Kurs nach Börsenstart deutlich über den Ausgabepreis steigen wird und er dann zu einem höheren Kurs verkaufen kann.

9. Wie dürfte sich die Aktie kurzfristig entwickeln?

Mehrheitlich rechnen Experten damit, dass der Aktienkurs zunächst steigt. Das liegt auch daran, dass die hohe Nachfrage auf ein geringes Angebot trifft: SpaceX bringt zunächst weniger als fünf Prozent seines Unternehmens an die Börse.

Bauer sagt daher: „Kurzfristig kann die Aktie gut laufen, weil die Nachfrage riesig sein dürfte: Fanbasis und Privatanleger plus Indexfonds treffen auf wenig verfügbaren Free Float. Ob die Bewertung danach hält, entscheidet sich an Wachstum und Skalierung – sonst ist das schnell eine Blase.“

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Auch Harrison Rolfes, Kollege von Granda bei Pitchbook, warnt: „Wenn man künstliche Nachfrage schafft, bläht man den Kurs zunächst stark auf.“ In dem Moment aber, in dem das Unternehmen die Erwartungen nicht erfülle, komme es zum Absturz.

Ein kritischer Moment könnte erreicht sein, wenn die Haltfrist von Insidern ausläuft. Das sind Investoren in früheren Finanzierungsrunden, Manager und Mitarbeiter. Bei SpaceX dürfen Insider ab dem 70. Tag nach dem Börsengang in mehreren Schritten verkaufen. Kommen dadurch viele neue Aktien auf den Markt, könnte sich das Angebot schlagartig erhöhen und der Kurs fallen.

10. Wann war bei früheren Börsengängen der beste Zeitpunkt, um Aktien zu kaufen?

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Die Vermutung der Experten, dass die SpaceX-Aktie zunächst steigt, wird von der Historie gedeckt. Die italienische Großbank Unicredit verweist auf Daten der University of Florida, wonach US-Aktien zwischen 1980 und 2025 an ihrem ersten Handelstag im Schnitt um 21 Prozent gestiegen waren.

Am höchsten waren die Renditen am ersten Handelstag zur Jahrtausendwende, als sich die Internetblase aufbaute. 1999 lag der durchschnittliche Anstieg bei 57 Prozent.

In den zwölf bis 24 Monaten nach dem Börsengang bleibt der Handel aber meist volatil. „Anleger haben in den ersten zwölf Monaten nach dem Börsengang oft die Möglichkeit, die Aktie unter ihrem Ausgabepreis zu kaufen“, schreibt die Unicredit.

Gründe für die schwache Kursentwicklung nach dem Börsengang seien übermäßiger Optimismus der Anleger und Bewertungen, die auf aggressiven Wachstumsannahmen basieren. Wer bei der Zuteilung leer ausgeht, könnte demnach noch auf eine bessere Einstiegschance warten, anstatt am ersten Handelstag zu kaufen.

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