Schwäbischen Alb: Forscher finden winzige Elfenbeinfiguren aus der Steinzeit

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Höhlenkunst von der Schwäbischen Alb Die geheimnisvollen Vögel aus der Eiszeit

Auf der Schwäbischen Alb haben Forscher die ältesten figürlichen Kunstwerke der Welt entdeckt. Nun gruben sie zwei filigran gearbeitete Tierfiguren aus. Was verraten sie über das Leben vor 40.000 Jahren?

29.07.2026, 12.11 Uhr

 »Exakte Naturbeobachtungen in Figuren umgesetzt«
 »Exakte Naturbeobachtungen in Figuren umgesetzt«

Vogelfiguren aus dem »Hohle Fels«: »Exakte Naturbeobachtungen in Figuren umgesetzt«

Foto: Ralf Ehmann / Universität Tübingen / Museum für Urgeschichte und Eiszeitkunst

Es gibt Orte, an denen man nur flüstern mag vor lauter Ehrfurcht. Einer davon heißt der »Hohle Fels« und ist eine Höhle auf der Schwäbischen Alb. Es geht dort erst durch einen 30 Meter langen Gang, dann steht man in einer Felsenhalle, die nicht viel niedriger ist als das Hauptschiff des Kölner Doms. Wenige Lampen, versteckt in Spalten, tauchen den Raum in diffuses Licht.

Der Hohle Fels ist nicht nur wunderschön, sondern zählt auch zu den wichtigsten Orten der Weltgeschichte. Er erzählt von der Zeit, als moderne Menschen vor etwa 45.000 Jahren nach Europa einwanderten, das damals das Reich der Neandertaler war. Weil es in jenen eiszeitlichen Tagen oft klirrend kalt war, suchten viele der Einwanderer Zuflucht im Hohlen Fels und anderen Höhlen der Schwäbischen Alb; in den Felsbehausungen schützte sie eine konstante Temperatur von zehn Grad vor dem Erfrieren.

 Fast so hoch wie das Hauptschiff des Kölner Doms

»Hohle Fels«-Höhle: Fast so hoch wie das Hauptschiff des Kölner Doms

Foto: Jens Burkert / Weltkultursprung / Museum für Urgeschichte und Eiszeitkunst

Was die steinzeitlichen Gemeinschaften zurückließen, verschwand dann unter dem, was über die Jahrtausende von der Decke bröselte oder vom Wind ins Höhleninnere getragen wurde – und kommt jetzt wieder ans Tageslicht.

Archäologische Teams machten in den vergangenen Jahren immer wieder sensationelle Entdeckungen im Hohlen Fels und den anderen Höhlen der Schwäbischen Alb. Nun können sie zwei weitere vermelden: filigran gearbeitete Vogelfiguren aus Mammutelfenbein, kaum größer als ein Daumennagel und jeweils nur etwa ein Gramm schwer. Forschungsleiter Nicholas Conard von der Universität Tübingen schätzt das Alter der kleinen Vögel auf etwa 40.000 Jahre. Damit zählen sie wie andere Fundstücke von der Schwäbischen Alb zu den ältesten bekannten figuralen Kunstwerken der Welt.

Conards Team erkundet seit Jahren mit Löffelchen und Tafelmessern ganz vorsichtig den Boden im Höhlengang des Hohlen Fels. Die Hinterlassenschaften der vorgeschichtlichen Menschen sind hier außergewöhnlich gut erhalten. Geschützt vor Wind und Wetter bleibt abgelagertes Erdreich teils über Jahrtausende an Ort und Stelle.

Die beiden Vögel fand das Grabungsteam in der gleichen Erdschicht, etwa 1,50 Meter voneinander entfernt. Das eine Tier scheint zu ruhen oder zu brüten, das andere hat ausgebreitete Flügel, wobei der linke jedoch abgebrochen ist und nicht gefunden werden konnte. Womöglich wurden sie von demselben Steinzeitmenschen geschnitzt, zu beweisen ist das aber nicht. »Die Figurinen führen uns vor Augen, dass die Schnitzerinnen und Schnitzer Vögel auf vielfältige Weise darstellen konnten«, sagt Conard.

Forscher und Forscherinnen stießen auf der Schwäbischen Alb in den vergangenen Jahrzehnten auf zahlreiche Figuren, die von einem großen handwerklichen Geschick künden. Sie fanden betörend schöne Löwen-, Bären-, Wildpferd- und Mammutfiguren, meist aus Elfenbein geschnitzt und älter als alle anderen figuralen Kunstwerke, die jemals entdeckt wurden. Umstritten ist, wie die Figuren genutzt wurden. Handelte es sich bei ihnen um Schmuckstücke? Kamen sie bei rituellen Handlungen zum Einsatz? Oder dienten die Tiere vor allem als Spielzeug für Steinzeitkinder?

Der Zweck wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben, im Fall der beiden neu gefundenen Vögel erscheint zumindest die Spielzeugtheorie aber unwahrscheinlich: Sie sind zu klein dafür. Mit zwei Zentimeter Länge, einem Zentimeter Breite und einem halben Zentimeter Höhe ist der Vogel mit den ausgebreiteten Flügeln sogar das kleinste aller bisher bekannten Eiszeitkunstwerke von der Schwäbischen Alb; die meisten anderen Figuren messen zwischen sechs und zwölf Zentimetern. Dennoch sind Augen, Schnabel und Federkleid der Minivögel sorgfältig ausgearbeitet.

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»Dem Mammutstoßzahn ist nicht nur irgendeine vereinfachte Form eines Vogelkörpers abgerungen worden«, sagt Conard, »hier wurden exakte Naturbeobachtungen in Figuren umgesetzt, deren Detailreichtum selbst eine Auseinandersetzung mit den Fragen ermöglicht, welche Vogelart dargestellt ist und was diese tut.« Conard hält es für möglich, dass es sich um Darstellungen von Schneehühnern handelt, deren Knochenreste häufig auf der Schwäbischen Alb gefunden werden.

Die Vögel stächen aber nicht nur wegen ihres kleinen Formats heraus, sondern auch wegen der Art ihrer Darstellung. Während alle anderen Tiere in einer statischen Haltung wiedergegeben seien, zeigten die Vögel spezifische Verhaltensweisen: Das eine Tier erinnert mit den ausgebreiteten Flügeln und einem lang gestreckten Hals an eine Ente, die auf dem Wasser landet.

 Wie eine Ente, die auf dem Wasser landet

Vogelfigur mit ausgebreiteten Flügeln: Wie eine Ente, die auf dem Wasser landet

Foto: Ralf Ehmann / Universität Tübingen / Museum für Urgeschichte und Eiszeitkunst

Archäologin Stefanie Kölbl glaubt, dass Vögel eine besondere Rolle für die Steinzeitgemeinschaften spielten: »Sie begrüßten den Tag mit Gezwitscher, sie kündigten mit ihrem Zug gen Süden den Jahreszeitenwechsel an, sie warnten als aufgeschreckte Schwärme vor Gefahr.« Kölbl ist Geschäftsführende Direktorin des Museums für Urgeschichte und Eiszeitkunst (Urmu) in Blaubeuren, wo die beiden Minivögel bis zum 4. April kommenden Jahres in der Ausstellung »Federleicht und Forschungsschwer« zu sehen sein werden.

Im Urmu ist auch der bekannteste aller Funde von der Schwäbischen Alb ausgestellt, die 2008 entdeckte »Venus vom Hohlen Fels«, eine kopflose Frau mit gewaltigen Brüsten, Schwabbelbauch und extrem betonter Vulva. Die Figur ist ebenfalls um die 40.000 Jahre alt und damit die älteste bekannte Darstellung eines Menschen. Es lässt sich nur spekulieren, ob die Optik damaligen Schönheitsidealen entsprach oder ob es sich um die Darstellung einer Art Fruchtbarkeitsgöttin handelt. Forscher und Forscherinnen nennen die »Venus« wegen ihrer Optik oft etwas despektierlich das »Brathähnchen«.

 Entsprach der Schwabbelbauch damaligen Schönheitsidealen?

Venus vom Hohlen Fels: Entsprach der Schwabbelbauch damaligen Schönheitsidealen?

Foto: Anne Pollmann / dpa / picture alliance

Der Fund der beiden Vogelfiguren ist innerhalb weniger Monate der zweite große Forschungserfolg von der Schwäbischen Alb. Im Februar hatte eine Studie für Aufsehen gesorgt, in der es um die Ritzzeichen  auf der Venus und den anderen Figuren geht. Die Archäologin Ewa Dutkiewicz vom Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin und der Sprachwissenschaftler Christian Bentz von der Universität des Saarlandes behaupten, dass die Punkte, Linien, Kreuze, Gitterstrukturen und Zickzackmuster auf den Figuren dazu dienten, Informationen weiterzugeben – womöglich an nachfolgende Generationen.

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