Es herrscht lähmende Hitze und Robert Baily schreitet in voller Montur über ein nachgestelltes Schlachtfeld in Pennsylvania, mit 72 Jahren.
Robert Baily:
»Jeder, der bei fast 40 Grad eine Wolluniform trägt, muss irgendwie verrückt sein. Ich hoffe, es ist eine gute Art des Verrücktseins.«
Aber Baily ist die Sache wichtig. Er will – möglichst authentisch – an die Schlacht von Gettysburg erinnern: etwa 7000 Tote in drei Tagen, der blutigste Kampf im Amerikanischen Bürgerkrieg. Die Menschen, mit denen Baily diese alljährliche Schauspiel begeht, sind politisch klar positioniert.
Robert Baily, Reenactor:
»99 Prozent der Leute hier sind Republikaner. Wenn ich mehr als zwei demokratische Reenactor finde, ist das Glück. Haha! Er schüttelt den Kopf und sagt nein. Ich kenne ein paar!«
Wie denken die Teilnehmer hier darüber, dass die USA heute, mehr als 160 Jahre nach dem Bürgerkrieg, wieder extrem gespalten sind? Und was halten sie vom republikanischen Präsidenten, der mit seinem Verhalten und seiner Rhetorik stark dazu beiträgt? Dazu wird es an diesem Tag noch Erklärungsversuche geben.
Aber erst bringt Bailys Bürgerkriegsteam den neuen Reenactorn bei, wie man mit so einer Kanone feuert. Auch wenn hier nicht mit scharfer Munition geschossen wird: Das Ganze kann gefährlich werden.
Robert Baily, Reenactor:
»Wir packen ungefähr 200 bis 300 Gramm Schießpulver in eine der großen Kanonen. Das produziert genug Energie, um dich noch in knapp 50 Metern Entfernung umzuhauen und deinen Kopf zu verkohlen. «
Dazu die sengende Hitze: 35 Grad Celsius werden es an diesem Tag, gefühlte Temperatur: mehr als 40 Grad. Allen hier verlangt das viel ab. Baily will trotzdem durchziehen – weil er fürchtet, dass sich die Geschichte wiederholen könnte.
Robert Baily, Reenactor:
»Ich habe aktuell ein wenig Angst. Ich sehe viel Spaltung zwischen dem, was ich Links und Rechts nenne. Sie haben vergessen, was passiert ist.«
Wenn ein Mann wie Baily so warnt, darf man das ernst nehmen: Seit 63 Jahren ist er bei den Gettysburg-Reenactments dabei, kein einziges hat er verpasst, sagt er. Beim ersten Mal sei er neun gewesen, als Pfadfinder. Als Erwachsener hat Baily lange unterrichtet, auch Geschichte. Er kennt alle Details dieser Schlacht. Er weiß, wie es dazu kommen konnte, dass Amerikaner Amerikaner bekämpften und sie sich gegenseitig töteten.
1860 wird Abraham Lincoln zum US-Präsidenten gewählt. Kurz darauf spalten sich die Südstaaten ab, weil sie unter dem Sklavereigegner Angst um ihre politische Macht haben. Ein Krieg entbrennt – vier Jahre, mehr als 200.000 Tote. Die Nordstaaten gewinnen und nehmen die Südstaaten wieder auf, die Vereinigten Staaten von Amerika sind gerettet. Die Schlacht von Gettysburg ist auf diesem Weg mitentscheidend.
Aber hat Amerika aus all dem etwas gelernt? Die USA sind nicht mehr geteilt. Und trotzdem geht heute wieder ein Riss durch die Gesellschaft. Geprägt von Hetze...
Trump-Unterstützerin:
»Ich möchte, dass die Biden-Regierung tot umfällt.«
Trump-Gegnerin:
»Er ist der Teufel. Er ist der gefährliche Donald Trump.«
...von Verschwörungstheorien...
Trump-Unterstützerin:
»Die Demokraten haben jeden Weg genutzt, um bei dieser Wahl zu betrügen.«
...befeuert vom Präsidenten selbst.
Donald Trump, damaliger US-Präsidentschaftskandidat:
»Sie [Kamala Harris] ist eine extreme, radikale, linke Wahnsinnige.«
Bis es gefährlich wird...
Demonstrant:
»Wir werden das Kriegsrecht nutzen.«
...und...
Donald Trump:
»Wir werden zum Kapitol ziehen."
...in Gewalt eskaliert.
Doch dass Trump selbst einen maßgeblichen Anteil an der Spaltung im Land trägt, das sehen die meisten Reenactor hier nicht.
Andreas Landberg, SPIEGEL:
»Während des Präsidentschaftswahlkampfs hat er Kamala Harris recht häufig eine Radikale genannt...«
Reenactor:
»Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er sie eine Radikale genannt hat. Nur dass er sie dumm genannt hat. Und dem würde ich schon zustimmen.«
Andreas Landberg, SPIEGEL:
»Er hat sie eine radikale Linke genannt – bei jeder Gelegenheit, die sich ihm bot.«
Reenactor:
»Nun ja, das ist Politik.«
Reenactor:
»Er ist ein New Yorker und redet auch so. Und manchmal würde ich mir wünschen, dass er sich etwas zurücknimmt. Ich versteh das schon. Aber ich unterstütze ihn und werde ihn nicht zu sehr verurteilen.«
Reenactor:
»Ich glaube, unser Präsident macht einen großartigen Job. Ich mag vielleicht Teile seiner Politik nicht. Aber der Mann ist standhaft.«
In Gettysburg beginnt derweil die Schlacht – und für Robert Baily wird es jetzt noch ein paar Grad wärmer. Weil er seine Rolle wirklich ernst nimmt.
Robert Baily, Reenactor:
»Ich glaube, ohne die Jacke wäre es okay.«
Reenactor:
»Dann zieh die Jacke doch aus.«
Robert Baily, Reenactor:
»Kann ich nicht.«
Reenactor:
»Warum nicht?«
Robert Baily, Reenactor:
»Ich bin der leitende Offizier.«
»Sie erwischen mich an einem schlechten Punkt. Ich setze mich nie hin, das ist das erste Mal seit ich weiß nicht wann. Tut mir leid. Sie haben den Stuhl mitgebracht und mir gesagt, ich soll mich hinsetzen. Meine Männer passen auf mich auf.«
Eine gute halbe Stunde dauert der nachgestellte Kampf an diesem Tag, dann ist Baily erlöst.
Robert Baily, Reenactor:
»Hilf mir bitte mit der Jacke. Die bekomme ich niemals selbst ausgezogen.«
Baily ist an seine körperliche Grenze gegangen. Weil ihm dieses Spiel so ernst ist. Weil er die Situation im Land als so gefährlich einschätzt.
Robert Baily, Reenactor:
»Oh mein Gott, das ist wie eine Klimaanlage!«
Aber Trumps Sprache zu verurteilen, ihn gar mitverantwortlich zu machen für die erneute Spaltung – das vermeidet auch Baily.
Robert Baily, Reenactor:
»Wenn man sich den Präsidenten anschaut, dann macht er viel davon, um Emotionen hervorzurufen. Er ist ein Geschäftsmann und macht das sehr gut. Ich sehe das als Taktik an. Ich glaube, beide Seiten müssen lernen, zivilisiert und respektvoll miteinander umzugehen. Viel davon ist in unserer Gesellschaft gerade verloren gegangen. Schaut euch auch die andere Seite an! Nur weil ich anderer Meinung bin als du, heißt das nicht, dass ich ein schlechter Mensch bin. Aber so scheint es heutzutage. Und das ist es, was wir Sorgen macht, was mich ärgert.«
Baily und seine Mitstreiter zeigen den Zuschauen in Gettysburg hautnah, was geschieht, wenn ein Land auseinanderdriftet. Ohne den Mann zu kritisieren, der als Präsident maßgeblich zur Spaltung beiträgt. Es sind wieder gefährliche Zeiten in Amerika.

vor 1 Tag
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