München. Ein Wirtschaftswachstum von 4,3 Prozent wäre für Deutschland inzwischen außergewöhnlich hoch, in China wird dieser Wert eher als Stagnation verstanden. Denn die Regierung in Peking plant mit mehr. Vor der Pandemie war ein Zuwachs von mehr als sechs Prozent üblich, waren zweistellige Raten möglich – zumindest nach den Angaben der dortigen Behörden.
Carsten Roemheld verwundert dieses verhältnismäßig schwache Wachstum im Handelsblatt-Podcast Invest nicht. Der Kapitalmarktstratege von der Investmentgesellschaft Fidelity International sieht darin eher so etwas wie eine Verschnaufpause. Die nach den USA zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt hat nach seinem Dafürhalten einige Probleme, aber auf der anderen Seite gut vorgesorgt, um in vielen Branchen an die Weltspitze zu kommen.

Handelsraum Asien: „Das wird alles unter chinesischer Führung ablaufen“
22.07.2026 Abspielen 25:28Auf welche Branchen die chinesische Regierung setzt, welche Folgen das haben kann und wie sich Anleger nun aufstellen sollten.
Lesen Sie hier das ganze Interview mit Carsten Roemheld:
Herr Roemheld, China galt lange als Wachstumsmotor der Weltwirtschaft. Nun scheint dieser Motor zu stottern. Woher kommt das?
Er stottert in der Tat. Und der wesentliche Grund findet sich im Immobiliensektor.
Warum im Immobilienmarkt? China hat dem Vernehmen nach momentan eher ein Problem mit dem Binnenkonsum.
Die Masse der Bevölkerung konsumiert auch deutlich weniger, denn viele Menschen machen sich Sorgen, ob sie sich ihr Haus oder ihre Wohnung noch leisten können. Denn anders als man es bei einer sozialistischen Planwirtschaft annehmen könnte, gibt es in China keine Altersversorgung. Gut 70 Prozent der Chinesen haben Immobilien als Altersvorsorge. Sie haben keine Aktien, keine Renten, sondern hauptsächlich Immobilien.
Vita Carsten Roemheld
Carsten Roemheld ist seit 2019 Kapitalmarktstratege bei Fidelity International. In dieser Funktion analysiert er Trends am Kapitalmarkt und die globalen Finanzmärkte mit einem Schwerpunkt auf Asien und den dortigen Schwellenländern. Schon als Jugendlicher begeisterte ihn sein Vater für die Kapitalmärkte. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in Frankfurt am Main arbeitete er sieben Jahre bei der Commerzbanktochter Cominvest, danach bei der Credit Suisse, bevor er 2014 zu Fidelity wechselte.
Fidelity International gehört zum US-Investmenthaus Fidelity, das nach Blackrock und Vanguard als drittgrößter Vermögensverwalter der Welt gilt. Fidelity International beschäftigt weltweit 6000 Mitarbeiter. In Deutschland ist das Unternehmen seit 1992 aktiv. Seit 2003 liegt die Zentrale in Kronberg im Taunus.
Müssten die Privathaushalte in den Jahren des Booms nicht genügend Geld angespart haben?
Das Geld wurde entweder für Konsum ausgegeben oder floss in Immobilien.
Dann sollten die Wohnungen und Häuser aber zumindest solide finanziert sein.
Wir haben in China einen gewaltigen Preisaufschwung am Immobilienmarkt erlebt, es wurde wahnsinnig viel gebaut, und sehr viel davon entstand mit geliehenem Geld. Dazu kommt: Zu Beginn der 2020er wurde immer offenkundiger, dass am Bedarf vorbei gebaut wurde.
Inwiefern?
Es gibt einfach zu viel Wohnraum. Wir dürfen nicht vergessen: Chinas Bevölkerung schrumpft. Mit der Ein-Kind-Politik in den 1980ern hat die Führung in Peking beim Bevölkerungswachstum im übertragenen Sinn eine Vollbremsung hingelegt. Das Ergebnis dieser Maßnahme sehen wir nun mehr und mehr.
Einen Crash am Immobilienmarkt kann sich die Führung in Peking nicht leisten. Carsten Roemheld
Wie will die chinesische Regierung der Immobilienkrise beikommen? Werden die Geisterstädte, die vielerorts entstanden sind, einfach abgerissen?
Das ist ein ziemlich radikaler Ansatz, aber das machen die Chinesen teilweise tatsächlich so. Man wird von staatlicher Seite, weil die eigene Immobilie der wichtigste Baustein der Altersvorsorge ist, trotzdem sehr wahrscheinlich darauf achten, dass die Preise einigermaßen stabil bleiben. Das kann mit Preisgarantien geschehen und damit, dass man einige Immobilienentwickler kontrolliert abwickelt. Einen Crash am Immobilienmarkt kann sich die Führung in Peking nicht leisten.
Wenn ein solch wichtiger Wirtschaftssektor verkleinert wird, bedeutet das dann aber noch weniger Wachstum.
Es ist wichtig, dass andere Bereiche stärker wachsen. Denn sobald die Wirtschaft in der Breite wieder wächst, steigen auch die Löhne, und es kann wieder mehr konsumiert werden, was am Ende den Immobiliensektor stabilisiert.
Welche Branchen und Sektoren werden wachsen? In der KI-Forschung präsentieren chinesische Unternehmen immer wieder Überraschendes, wie zuletzt das neue KI-Modell des Start-ups Moonshot.
Mein Eindruck ist, man arbeitet bereits daran, viele Sektoren zu stärken. Den Machthabern in Peking kommt dabei zugute, dass ihnen – verstehen Sie das bitte in Anführungszeichen – keine Wahlen in die Quere kommen und sie so langfristig planen können und dass sie sehr durchsetzungsstark sind. Daher wird in vielen Bereichen einfach mal investiert. Beispiel Elektromobilität. Das ist ein Sektor, in dem chinesische Hersteller wie etwa BYD innerhalb weniger Jahre rasant gewachsen sind, und zwar sowohl bei der Zahl der verkauften Autos als auch bei der Qualität.
Bleibt KI ein Wachstumsfeld?
Sicher. Das, was bei Moonshot geschehen ist, kann immer wieder passieren. Denn die chinesische Führung setzt sehr stark auf KI. Sie ist so etwas wie ihr Mittel gegen den Bevölkerungsschwund. Man verspricht sich deutlich höhere Produktivität. Sie kann so etwas wie eine Lebensversicherung für das ganze Land werden.
China war auch eines der wenigen Länder, die vom Krieg am Golf und der Sperre der Straße von Hormus kaum betroffen waren, weil rechtzeitig riesige Ölreserven gebildet wurden. Ist solch ein vorausschauendes Denken typisch für Chinas Führung?
In China denkt man sehr langfristig. Das hat einerseits mit der autoritären Regierungsform zu tun, andererseits hat das Denken in Generationen in diesem Land eine Tradition. Mich hat es nicht verwundert, dass China solch große Ölreserven gebildet hat. Und Öl ist nicht der einzige Rohstoff, der gehortet wird.
Welche noch?
Seltene Erden sind da ein gutes Beispiel. Da haben die Chinesen schon vor 15, 20 Jahren angefangen, Marktanteile zu sammeln, und zwar in der Verarbeitung von seltenen Erden. Sie haben es geschafft, zusätzlich zu ihren eigenen Vorkommen viele seltene Erden als Rohstoffe aus anderen Ländern anzuziehen, weil sie sie günstig weiterverarbeiten konnten und damit auch die Kapazitäten in anderen Ländern überflüssig gemacht haben. Man kommt als Abnehmer seltener Erden nicht mehr an China vorbei.

Auf in die Welt. Da im Heimatmarkt die Nachfrage schwach ist, exportieren Chinas Autohersteller ihre E-Autos zu Kampfpreisen. Foto: Photo by AFP/China OUT
Und am Ende ist China in der Lage, die Preise zu diktieren?
Das ist der Plan. Chinas Führung hat sich auch vorgenommen, in bestimmten Schlüsseltechnologien absoluter Weltmarktführer zu werden.
Welchen zum Beispiel?
Dazu gehören neben KI Elektroautos, Hochgeschwindigkeitszüge, grüne Technologien, alles, was mit Solar- und Windenergie zu tun hat. Letztere machen das Land immer unabhängiger von Energieimporten. Dann kommen noch Robotik, Raumfahrt, Medizintechnik. Das sind Bereiche, bei denen die chinesische Staatsführung klar gesagt hat: „Hier wollen wir führend werden und alles an Energie und Motivation hineinstecken.“
Wird China die USA bald als größte Wirtschaftsmacht ablösen?
Das ist schwer zu sagen, denn die meisten Innovationen im Hochtechnologiebereich kommen aus den USA, und die schiere Masse an Kapital, die dort investiert werden kann, ist gigantisch. Wir erleben in den kommenden Jahren eher eine Verschiebung der Gewichte. Im MSCI World machen die USA 70 Prozent aus, im MSCI All Countries liegt der Anteil von US-Aktien bei mehr als 60 Prozent. Das wird weniger werden.

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Wobei China nicht einmal im MSCI World vertreten ist.
Das ist in der Tat bemerkenswert, aber historisch bedingt. China ist de facto kein Schwellenland mehr, sondern eine Industrienation. Wir sollten, wenn wir uns mit der Verschiebung der Gewichte beschäftigen, aber nicht nur auf China schauen.
Warum?
China ist die Vormacht unter den asiatischen Schwellenländern. Dieser gesamte Handelsraum Asien ist für mich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sehr aussichtsreich und wird stark wachsen. Dieser Schwenk wird unter chinesischer Führung ablaufen, denn China ist in Asien und im gesamten globalen Süden sehr gut vernetzt. Ich glaube, dass in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sehr viel Wachstum entstehen wird, denn außer in China sind die demografischen Voraussetzungen in dieser Weltgegend sehr günstig.
Was heißt das für Anleger?
Aus meiner Sicht wäre es verfrüht, da heute schon einzelne Gewinner und Verlierer herauszulesen. Die Entwicklung sollte die Region aber insgesamt weiter nach vorn bringen. Deswegen empfehle ich, möglichst breit und diversifiziert anzulegen. Das kann man über Fonds oder über ETFs machen, die auch einen breiteren geografischen Bereich abdecken, über China hinaus. Man kann China – also Hongkong oder das chinesische Festland – über einen Fonds oder ETF abbilden und dann Asien ohne China danebenstellen. Wer ein Produkt bevorzugt, kann auch einen größeren Schwellenländerfonds wählen, der diese gesamte wachstumsträchtige Region im Portfolio abdeckt.
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Noch ist das Wachstum aber nicht sichtbar. Welchen Anlagehorizont würden Sie empfehlen?
Die Wachstumsraten in dieser Region sind aktuell insgesamt höher als in den westlichen Regionen. Ich würde dennoch einen mittel- bis langfristigen Horizont empfehlen. Es kann gut sein, dass wegen der chinesischen Subventionen etwa für E-Autos Europa und die USA kurzfristig höhere Zölle einführen. Darauf wird China wieder reagieren.
Dann ist aber wenig gewonnen.
Sie sagen es, aber ich bin zuversichtlich, dass sich mittel- bis langfristig die ökonomische Vernunft durchsetzt. Die großen Wirtschaftsblöcke USA, Europa, China und einige große Schwellenländer werden bemerken, dass sie voneinander abhängig sind und zu hohe Zölle und zu forsche Subventionen wenig bringen.

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